Gedankenspeicher

Gedankenspeicher

Ein ganz normaler Tag?

Inspiration, Motivation, Gedanken

 

Hallo du – schön, dass du wieder da bist! Das hier wird kein inspirierender Text wie du sie von den Vorherigen kennst. Das hier ist eher eine Kurzfassung meiner Gedanken während einer einfachen Zugfahrt – aber beginne ich doch einmal von vorne.

Da ich wusste, dass ich erst heute Abend wieder etwas zu Essen bekomme, habe ich mich kurzfristig dazu entschlossen noch eine Kleinigkeit essen zu gehen. Als ich das Café betrete, kommt eine nette Kellnerin auf mich zu und fragt: „Möchtest du noch auf jemanden warten oder dich schon einmal hinsetzen?“. Die Frage deutet darauf hin, dass sie davon ausgeht, ich wäre hier verabredet. „Es kommt niemand mehr, ich brauche nur einen Tisch für eine Person.“ Erwidere ich darauf. Ich merke wie sie ihre Überraschung schnell hinter einem Lächeln versteckt und sie führt mich zu einem gemütlichen Tisch. Ich bestelle einen Cappuccino, überfliege die Speisekarte und bestelle mir sodann etwas zu Essen. Ich schaue mich um und sehe lauter unterschiedliche Menschen – da gibt es eine größere Gruppe von lauten, lachenden Erwachsenen, die sich wahrscheinlich regelmäßig zum Brunch hier trifft. Weiter rechts sehe ich einen Mann und eine Frau, die vermutlich ihr erstes Treffen haben, da die Frau schüchtern in ihrem Kaffee rührt und sie teilweise lange, unangenehme Pausen zwischen ihren Gesprächsthemen haben. Links von mir sitzen 3 Mädels, die offensichtlich nur für ein Foto ihres Essens hier hin gekommen sind, da jede von ihnen ihren Blick auf ihr Smartphone gerichtet hat und es keine Konversation entsteht. Vielleicht irre ich mich auch und sie schreiben sich einfach nur gegenseitig anstatt zu erzählen. Ich nehme mir mein Buch und beginne ein bisschen zu Lesen. Ab und zu merke ich, wie einige Leute neugierig zu mir herüber schauen – ich überprüfe schnell, ob ich Cappuccino auf meinem Shirt habe oder was die Aufmerksamkeit der anderen Leute auf mich zieht. Dann wird es mir klar – sie finden es komisch, dass ich dort alleine sitze. Dass ich niemanden habe, mit dem ich mich unterhalte (oder chattend gegenübersitze). Dass ich einfach dort in diesem Café sitze, meinen Cappuccino trinke und dabei mein Buch lese. Ich konzentriere mich wieder auf die Zeilen meines Buches und versinke dort so lange, bis die nette Kellnerin mir mein Essen bringt. Während des Essens werden die Blicke noch viel intensiver – in vielen erkenne ich sogar so etwas wie Mitleid. Was ist so falsch daran, alleine zu Mittag zu essen? Nur weil ich nicht mein Handy in der Hand oder am Ohr habe und so tue, als führe ich ein wichtiges Telefonat heißt das doch noch lange nicht, dass ich alleine bin.

Nun gut, ich spule einmal etwas vor. Ich mache mich aus der Innenstadt auf den Weg zum Hauptbahnhof. Ich ertappe mich dabei, wie ich mich alle 2 Meter umdrehe, um zu überprüfen, ob jemand sich anschleicht. Meine linke Hand hält in meiner Jackentasche unbewusst das Pfefferspray, während meine rechte Hand sich so um die Schnalle meines Koffers klammert, dass meine Fingerknöchel schon weiß sind. Meine Unruhe lässt erst nach, als sich am Bahnsteig ein Mann, der mich an meinen Papa erinnert, neben mich auf die Bank setzt. Er grüßt mich nur kurz und sagt nichts weiter, aber ich kann endlich wieder ausatmen und fühle mich sicher. In diesem Moment stelle ich mir die Frage, in was für einer Welt wir leben, dass eine Frau sogar mitten am Tag Angst hat, alleine durch die etwas herunter gekommene Innenstadt zu laufen.

Ich steige in den Zug ein und mache es mir auf einer Zweier-Bank gemütlich. Ich liebe es aus dem Fenster zu schauen und dabei Musik zu hören. Der Zug fährt an den schönsten Plätzen vorbei, gestern hat es geschneit und es sieht traumhaft schön aus, wie alles weiß bedeckt ist und die Felder und Bäume in das beruhigende Licht der Abendsonne getaucht werden. Ich kann gar nicht genug kriegen von solchen tollen Naturszenen. Trotzdem schaue ich mich einmal um. Was ich sehe? Lauter Menschen, die mit ihrem Handy oder Laptop beschäftigt sind. Keiner dieser Menschen schaut heraus, um auch nur 30 Sekunden dieser tollen Naturszene zu genießen. Ein Mann hat seinen Blick aus dem Fenster gerichtet, allerdings gestikuliert er wild herum und hat offensichtlich ein wichtiges Telefonat – somit nimmt er dieses tolle Bild wohl auch gar nicht wahr. Drei Reihen weiter entdecke ich ein kleines Mädchen, dessen Augen glitzern – ihre Lippen umschließt ein zufriedenes Lächeln, während sie ihren Kopf ans Fenster lehnt und die Natur offensichtlich genau so wahr nimmt, wie ich es tue. Wir sollten manchmal viel mehr so sein wie dieses kleine Mädchen. Unsere Gedanken einmal abschalten und unserer Seele solche tollen Momente gönnen! Ich lerne zwei Frauen kennen, die auf dem Weg zum Flughafen sind – es geht für sie später auf Weltreise. Ein Mann, der sich später am Gespräch beteiligt, erzählt, er fährt diesen Weg jeden Tag – jeden Tag sitzt er morgens und abends jeweils 2 Stunden in diesem Zug. Dann gibt es da noch mich, die diese Strecke zum ersten Mal fährt und sich darauf freut, ihren Freund am Ende des Tages endlich wieder in die Arme zu schließen. Auch hier sind also wieder die unterschiedlichsten Menschen mit den unterschiedlichsten Intentionen zu finden.

Einen letzten Gedanken möchte ich aber noch mit dir teilen: Auf dem Weg bin ich nicht nur an traumhafter Natur vorbei gekommen, sondern auch über große Brücken gefahren. Brücken, deren Geländer vor lauter Liebesschlössern kaum zu erkennen sind. Es sind wirklich so viele, dass ich glaube es nähme gar kein Ende mehr. Eine wirklich tolle Sache – Paare hängen dort ein Schloss mit ihren Initialen zum Zeichen ihrer Liebe auf. Doch in genau diesem Moment frage ich mich: Wie viele dieser verliebten Paare haben diesem Schloss eine wahre Bedeutung gegeben? Welche Namen hängen vielleicht doppelt dort, allerdings in anderer Kombination, weil es schon der zweite, dritte, vierte Mensch ist, mit dem sie es diesmal aber wirklich ernst meinen. Ich glaube, dass die „Liebe“ heutzutage einfach viel zu viele Definitionen erhält. Ich für meinen Teil habe meine Definition nach dieser Zugfahrt endlich wieder in die Arme geschlossen.

Wie hat dir diese Art des Blogbeitrages gefallen? Schreibe es mir gerne in die Kommentare oder bei Instagram unter JL-Gedankenanker.

– Julia Lorberg

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4 thoughts on “Gedankenspeicher

  1. Hallo Julia, mir hat dein Text sehr gut gefallen. Deshalb gut gefallen, weil man sich sofort in deine Situation versetzen konnte und sicherlich viele deiner Gefühle schon einmal selber erlebt hat. Das Gefühl beäugt zu werden, wenn man als Frau etwas alleine unternimmt oder die vielen Menschen, die zwar nicht alleine etwas machen, sich aber trotzdem nicht beachten, sondern lieber ihr Handy. Umso netter ist es dann, wenn man mit anderen Menschen z. B. in der Bahn ins Gespräch kommt. Du hast eine große Begabung Menschen zu beobachten und Details zu schildern. Das macht deine Erzählung so lebendig und lebensnah. Toll! Es grüßt dich herzlich Hildi

  2. Was ein wundervoller Text. Durch deinen Schreibstil habe ich das Gefühl, dass ich mit in diesem Café sitze und kann mir alles genau vorstellen. Ich wünsche mir mehr solcher Texte, einfach nur deine Gedanken 🙂

  3. Diese Art von Texten gefallen mir auch sehr gut. Du bringst eine Alltagssituation mit allen Facetten in einer schönen und anschaulichen Geschichte zusammen. Dein Schreibstil und deine kreative Ader kommt dabei sehr zum Vorschein.
    Ich freue mich auf weitere Texte von dir und bin enorm stolz, dass du dich traust deine Gedanken mit anderen Menschen zu teilen und diese dadurch zu motivieren, inspirieren und zum Nachdenken anzuregen!

    In Liebe
    Dein Alex

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